Das Gekreische der Möwen weckt uns an diesem Morgen. Der Campingplatz liegt gemütlich eingebettet zwischen Felsen auf einer kleinen Wiese und während wir frühstücken, hören wir das Murmeln der anderen Camper. Wir fahren zum Reynisfjara Strand, wo wir von einer gigantischen Kulisse erwartet werden: Die Wellen rollen kraftvoll und unaufhörlich ans Ufer, so als wollte die Natur uns daran erinnern, wer hier wirklich das Sagen hat. Vík í Mýrdal ist eigentlich ein touristischer Hotspot, doch heute schwingt hier für uns eine merkwürdige Melancholie mit, denn vor ein paar Tagen ist hier ein kleines Mädchen in den Wellen ums Leben gekommen. Wir sehen die Gedenkstelle mit Blumen und Kerzen und als wir den Blick über das Meer schweifen lassen, wird uns bewusst, wie stark und unberechenbar die Natur sein kann. Wir spüren, wir müssen respektvoll mit der Natur umgehen, mit uns selbst und denen, die wir lieben, wenn wir glücklich leben wollen.


Wir machen uns auf den Weg zu den Basaltsäulen. Dort tobt das Meer weiter, die Wellen schlagen gegen die dunklen Felsen, die Möwen kreischen über unseren Köpfen und zwischen ihnen sehen wir zum ersten Mal Puffins, die kleinen Papageitaucher, die hier brüten. Es ist ein faszinierendes Schauspiel, ein Wechselspiel aus Schönheit, Neubeginn und Vergänglichkeit. Wir fahren nochmal zum Oststrand, wo der Strand menschenleer ist. Dort sitzen wir fast allein da, lassen die Hände durch den schwarzen Sand gleiten und genießen die plötzliche Stille.





Von Vík aus geht es weiter in Richtung Osten. Auf der Ringstraße reihen sich Autos aneinander und nur ein einziger Radfahrer trotzt dem Wind, der erbarmungslos über die Straße fegt. Wir fahren vorbei am Eyjafjallajökull, dem Vulkan, der 2010 ausgebrochen ist, und erreichen schließlich die Gletscherlagune Jökulsárlón. Der Anblick ist atemberaubend: blaues Eis, das im Wasser treibt und Eisbrocken, die an den schwarzen Strand gespült werden und in der Sonne glitzern wie Diamanten. Wir sehen ein großes Herz am Berg gegenüber und spüren einfach nur Liebe und Dankbarkeit. Es ist ein magischer Moment.



Wir fahren weiter zum Fjallsárlón und sehen große Brocke Eis, die als Diamanten am Strand landen und schließlich hinaus ins Meer treiben. Je länger wir uns dieses Bild anschauen, desto schwerer wird es, diese Schönheit unbeschwert zu genießen. Denn sie existiert nur, weil etwas anderes zerbricht: der Gletscher selbst. Diesmal fühlt sich dieses „Kaputtgehen“ nicht wie in Þingvellir an, wo Neues aus dem Alten entsteht. Hier fühlt es sich mehr wie ein Verlust an. Der Gletscher schmilzt Stück für Stück und wir spüren, dass das, was wir so schön finden, in Wahrheit die Vergänglichkeit eines sterbenden Eisriesen ist. Während andere staunend Fotos machen, sehen wir in den Eisdiamanten die traurige Seele des Gletschers, an Land gespült und langsam sterbend in der Sonne.









Wir fahren weiter entlang der Küste, wo die Luft immer milder wird. Die Straße schlängelt sich durch zahlreiche Fjorde, vorbei an Wasserfällen und satten Hügeln. Immer wieder werfen wir einen Blick zurück zum Gletscher, der in der Ferne hinter uns schimmert. In Höfn finden wir einen kleinen Campingplatz mit Blick auf eine langgezogene Bergkette. Als wir den Platzwart fragen, ob es hier schön sei, zuckt er mit den Schultern und sagt trocken: „Wenn die Sonne scheint, ist es schön. Wenn nicht, kann’s auch richtig Scheiße sein, finde ich“ Wir lachen, aber der Satz bleibt hängen. Schönheit liegt eben im Auge des Betrachters, egal, ob man gerade auf Island ist oder zuhause in Deutschland. Wir haben aber mal wieder großes Glück: Die Sonne kommt heraus und wir erwischen damit einen der guten Tage. Abends kochen wir uns eine Kleinigkeit, sitzen noch lange vor unseren Zelten und sehen dabei zu, wie das Licht langsam hinter den Bergen verschwindet.
