Der Wecker klingelt uns zu einer Uhrzeit aus den Zelten, bei der viele andere auf dem Campingplatz noch lange schlafen. Uns fällt das Aufstehen heute jedoch besonders leicht, weil die Vorfreude auf das, was uns erwartet, riesig ist. Dichter Nebel hängt in den Bergen und ein feiner Nieselregen begleitet uns bei unserer drei Kilometer langen Wanderung bergauf, während wir mal wieder heilfroh über unsere regenfeste Kleidung sind. Die Wanderung fordert uns, unsere Beine werden schwer und unser Atem dampft in der kalten Luft inmitten in der stillen, grauen Schönheit, die uns umgibt. Als wir endlich unser Ziel erreichen, ist jedoch die Anstrengung bereits vergessen: Vor uns liegt der heiße, dampfende Fluss, der in dieser Nebellandschaft geheimnisvoll und wie alles in Island auch ein bisschen magisch wirkt. Nur sechs andere Frühaufsteher sind mit uns hier. Da die Flusslandschaft sehr weitläufig ist, hat jeder eine kleine Quelle ganz für sich allein. Wir gleiten ins Wasser, lassen die Wärme durch unsere Glieder strömen und schauen dem Nebel dabei zu, wie er zwischen den Bergen wabert.



















In Silkes Kopf läuft plötzlich ein Liedfetzen von Keimzeits Song „So.“: „Lass es laufen den Berg hinunter, lass es laufen ins Tal. Gott hat dem Fluss diesen Weg gegeben, sicher tut er’s nicht nochmal.“ Eine Zeile, die in diesem Moment so perfekt passt, dass sie fast zu einem Mantra wird: Das Wasser weiß selbst, wo es hingehört. Das fühlt sich in diesem Moment wieder wie eine von Islands Lektionen an. Die die Natur lehrt, dass man nicht alles kontrollieren kann und dass manches einfach fließt. Wo wird unser Weg uns hinführen? Wir müssen vertrauen.

Zwei Stunden treiben wir in dieser stillen Welt, bis sich der Ort langsam mit anderen Badegästen füllt und es Zeit wird aufzubrechen. Der Weg bergab fühlt sich leicht an, fast beschwingt, während uns immer mehr Menschen entgegenkommen, manche sogar auf Pferden. Wir sind dankbar, den Fluss in seiner ganzen Ruhe erlebt zu haben.



Nach dem Packen geht es weiter Richtung Süden, die Ringstraße entlang. Links ragen grüne Berghänge empor, rechts glitzert das Meer. Wir passieren alte Milchkannen, schlafende Farmen, und den mächtigen Eyjafjallajökull, den Vulkan, der vor Jahren ganz Europa den Atem anhalten ließ. Wir machen einen kurzer Stopp am Skógafoss, wo das Wasser donnernd in die Tiefe stürzt, dann fahren wir weiter nach Vík. Der Campingplatz dort liegt windgeschützt unter einem Felsen, trotzdem zerrt der Wind an unseren Zelten. Nach einem Abstecher zum schwarzen Strand, der ruhig daliegt, fallen wir erschöpft in den Schlaf. Ein Tag voller Gegensätze liegt hinter uns: Kälte und Wärme, Stille und Sturm, Nebel und Meer. Und irgendwo dazwischen ist dieses Gefühl, dass das Leben, genau wie das Wasser, oftmals seinen eigenen Weg kennt.








